(1826-1900)
WILHELM LIEBKNECHT
Wilhelm Liebknecht war vieles zugleich: Revolutionär, Mitbegründer der SPD, Angeklagter wegen Hochverrats, Parlamentarier und einer der prägendsten Figuren der deutschen Arbeiterbewegung.
Sein Leben führte ihn durch Aufstände, Exil und Gefängnis. Vor 200 Jahren wurde er in Gießen geboren.
Porträtaufnahme Wilhelm Liebknechts 1893.
Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv. Nr. 11/17
Kindheit, Studium und erste politische Erfahrungen
Am 28. März 1826 wurde Wilhelm Liebknecht in Gießen in eine gutbürgerliche Familie geboren. Früh verlor er Eltern und Großeltern und wuchs bei Bekannten und Nachbarn auf. Er galt als begabter Schüler und begann ein Studium der Philologie, Theologie und Philosophie in Gießen, später auch in Marburg und Berlin von 1843 bis 1847. Dort begegnete er erstmals frühsozialistischen Schriften, dem studentischen Verbindungswesen und Ideen von nationaler Einheit und Demokratisierung.
Unterschriftensammlung der Studierenden, die 1846 aus Protest gegen Uni und Polizei auf den Staufenberg auszogen. Wilhelm fungierte hier als Wortführer bei den Verhandlungen zur Rückkehr. aus: Georg Fendt, 1846 bis 1853. Erinnerungen, Darmstadt 1857, S. 257ff.
Panorama-Ansicht von Gießen um 1849. HStAD, R4, 22902
Politische Erfahrungen im Umfeld prägten ihn zusätzlich: Sein Großonkel Friedrich Ludwig Weidig und der Marburger Professor Sylvester Jordan wurden wegen oppositioneller Aktivitäten verhaftet und misshandelt, das empfand Wilhelm als staatliches Unrecht. Auch er geriet mit dem Staat in Konflikt, etwa als Wortführer eines studentischen Auszugs auf den Staufenberg oder wegen einer öffentlichen Solidaritätsaktion für Jordan in Marburg. Schließlich verließ er die Universität mit dem Gedanken auszuwandern.
Diese veröffentlichte Rede zählt zu den bekanntesten bildungspolitischen Schriften Wilhelm Liebknechts: Wissen ist Macht - Macht ist Wissen, Berlin 1891.
Revolution, Bildung, Exil
Umwege führten Wilhelm Liebknecht 1848 statt wie geplant in die USA in die Schweiz. Am Fröbelschen Seminar arbeitete er als Lehrer, einem Beruf, den er später als seine eigentliche Berufung ansah. Dort entwickelte er die Überzeugung, dass Bildung grundlegend für gesellschaftliche Veränderungen sei, und engagierte sich erstmals in Arbeiterbildungsvereinen, u.a. als begabter Redner. Mit Ausbruch der Revolution von 1848 beteiligte er sich in Deutschland am Aufstand, kämpfte unter anderem in Baden und berichtete als Journalist in Zeitungen darüber. Nach dem Scheitern der Revolution wurde er kurzzeitig inhaftiert und kehrte zunächst in die Schweiz zurück. Dort versuchte er, die Arbeitervereine zu vereinen, geriet jedoch wegen angeblich revolutionärer Umtriebe in Haft und ging schließlich ins Exil nach London.
Porträt Wilhelm Liebknechts als junger Mann, ca. 1855.
AdsD der FES, 6/FOTA068929
Londoner Jahre im Exil
Porträt von Karl Marx, ca. 1870.
Wikimedia commons, gemeinfrei
Neben der Revolution von 1848 prägte vor allem die enge Freundschaft mit Karl
Marx das Denken Wilhelm Liebknechts entscheidend. Von 1850 bis 1862 lebte er mit
seiner ersten Frau Ernestine in London. Dort stand er in engem Austausch mit Marx,
diskutierte politische und philosophische Fragen und vertiefte sozialistische
Ideen, die seine spätere Arbeit bestimmten.
Es entstand eine enge und lebenslange Freundschaft zur Marxschen
Familie, insbesondere zwischen den Töchtern. Zugleich engagierte er sich in
Arbeiterbildungsvereinen und war als Lehrer und Journalist tätig.
Trotz seines Engagements lebte Wilhelm in großer Armut und konnte seine inzwischen um zwei Töchter gewachsene Familie nur mühsam ernähren. Nach dem Thronwechsel in Preußen und einer Amnestie der Revolutionäre von 1848/49 kehrte er schließlich nach Deutschland zurück, wo seine Frau Ernestine bald darauf jung verstarb.
Wilhelm Liebknecht und Eleanor Marx, Tochter von Karl Marx,
auf einer Agitationsreise in die USA um 1890.
AdsD der FES, 6/FOTA007438
Rückkehr und Parteiarbeit
In Preußen schloss sich Wilhelm Liebknecht dem 1863 gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) an und arbeitete dort als Redakteur. Zunehmende Differenzen führten zu Wilhelms Ausweisung aus dem Verein und schließlich aus Preußen. Er ging nach Sachsen und gründete dort mit August Bebel zunächst 1866 die Sächsische Volkspartei und 1869 die überregionale Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Wilhelm wurde Abgeordneter im Reichstag des Norddeutschen Bundes und begann mit seinen Mandaten von 1867 bis 1871 eine lange Laufbahn als (unbezahlter!) Abgeordneter. Er setzte sich für die politische Beteiligung der Arbeiter ein, blieb jedoch skeptisch gegenüber dem Parlamentarismus in den bestehenden autoritären Verhältnissen. 1875 vereinigten sich der ADAV und die SAP unter maßgeblichen Einfluss von Bebel und Liebknecht zur Sozialistischen Arbeiterpartei.
Erinnerung an Ferdinand Lassalle, Wilhelm Liebknecht und August Bebel
auf einer Erinnerungskarte zum 50-jährigen Bestehen der Sozialdemokratie.
AdsD der FES, 6/CARD001450
Konflikte im Kaiserreich
Im Kaiserreich setzte Wilhelm seine parlamentarische Tätigkeit unter erschwerten Bedingungen fort. Aus einer Überzeugung für Frieden und gegen Militarismus stimmten er und August Bebel 1871 gegen Kriegskredite. Im anschließenden, aufsehenerregenden Leipziger Hochverratsprozess wurden sie zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Als Bismarck 1878 das sogenannte Sozialistengesetz erließ, das sozialdemokratische Organisationen verbot, führten beide ihre politische Arbeit trotz mehrfacher Ausweisungen und Gefängnisstrafen fort. Ab 1881 lebte Wilhelm deshalb meist außerhalb von Leipzig, wo seine zweite Frau Natalie und seine inzwischen sieben Kinder hauptsächlich wohnten.
Übrigens: Wilhelm Liebknechts Sohn Karl wiederholte die Ablehnung von Kriegskrediten 1919 und wurde zu einer maßgeblichen Figur in der deutschen Revolutionsgeschichte.
Haus Borsdorf außerhalb Leipzigs mit Gedenkplakette zur Erinnerung an Bebel und Liebknechts Zuhause.
Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv. Nr. F 98/34.
Karikatur auf das Sozialistengesetz, das die Demokratie anstatt zu schwächen nur gestärkt habe, ca. 1879. AdsD der FES, 6/FOTB002462.
Hochverratsprozess in Leipzig 1872, im Vordergrund Wilhelm Liebknecht.
Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv. Nr. F0000321
Letzte Jahre, Tod & Rezeption
Politische Erfahrungen im Umfeld prägten ihn zusätzlich: Sein Großonkel Friedrich Ludwig Weidig und der Marburger Professor Sylvester Jordan wurden wegen oppositioneller Aktivitäten verhaftet und misshandelt, das empfand Wilhelm als staatliches Unrecht. Auch er geriet mit dem Staat in Konflikt, etwa als Wortführer eines studentischen Auszugs auf den Staufenberg oder wegen einer öffentlichen Solidaritätsaktion für Jordan in Marburg. Schließlich verließ er die Universität mit dem Gedanken auszuwandern.
Wilhelm-Liebknecht-Kopf vor dem Alten Schloss in Gießen. Foto: Rolf K. Wegst
Fotografie vom Trauerzug zur Bestattung Wilhelm Liebknechts. Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv. Nr. F 429